Fotografieren lernen mit der Netflix Serie The Queen's Gambit (Das Damengambit)

Fotografieren lernen mit Fernseher schauen?

Natürlich sind Film und Fotografie zwei ziemlich verschiedene Medien, dennoch teilen sie sich viele Eigenschaften und Regeln. Für mich persönlich ist es darum immer eine grosse Freude, einen wirklich gut gemachten Film, oder in diesem Fall eine Serie, zu schauen. Die Netflix Kurzserie The Queen's Gambit (Das Damengambit) ist nicht nur von der Story her interessant und unterhaltsam, sondern auch gestalterisch wirklich sehr gut umgesetzt. Es hat mir wirklich sehr viel Spass gemacht, diese Serie zu schauen und obwohl es sieben Episoden sind, habe ich nur gerade zwei Tage gebraucht, bis ich durch war. Die Serie zeigt sehr viele Stilmittel, die auch in der Fotografie hervorragend genutzt werden können. Beste Voraussetzungen also, um auch für die eigene Fotografie die eine oder andere Idee mit zu nehmen und wieder etwas dazu zu lernen.

 

Für die, die sich noch nicht so häufig mit fotografischen Stilmitteln beschäftigt haben, habe ich in diesem Beitrag einmal ein paar der in der Serie genutzten Möglichkeiten inkl. Beispiel aus der Serie herausgesucht und erkläre sie auch kurz. Ich hoffe, Ihr könnt so wieder etwas Neues lernen und was ich ehrlich gesagt ganz besonders hoffe, ist, das vielleicht das eine oder andere hängen bleibt und Ihr Euren nächsten Film einmal aus einer anderen Perspektive schauen könnt.

 

Und, passend zum Medium Fernsehen als kleine Werbeeinblendung, falls Ihr Interesse an fotografischer Gestaltung gefunden habt, biete ich gerne auch Privatunterricht auf diesem Thema an. Und nun viel Spass beim Lesen.

 

Vorher aber noch eine ganz kurze Bemerkung zu den Bildern, die ich hier verwende. Diese sind Screenshots aus der Serie und sie sind weder von mir gemacht noch gehören sie mir. Die Bilder gehören ausschliesslich den jeweiligen Eigentümern. 

Bildgestaltung

Die Bildgestaltung wie ich sie hier meine, ist eigentlich nichts anderes als die Frage, wie ich meinen Bildausschnitt wähle. Der Klassiker schlechthin ist eigentlich eine Person auf einem Bild genau in der Mitte platziert. Ohne weitere Überlegungen anzustellen ist das für uns das Naheliegendste und wird darum auch vielfach praktiziert. Das es aber noch ganz viele andere Möglichkeiten gibt, schauen wir uns im Folgenden nun einmal an. Übrigens, die nachfolgende Auflistung ist natürlich nicht abschliessend und wie es in der Kunst so ist, es gibt nicht wirklich ein "Richtig" und ein "Falsch", wichtig ist einfach dass Eure Nachricht auch beim Betrachter ankommt.

Der Goldene Schnitt und die Drittelregel

Anstatt das Motiv immer in die Bildmitte zu nahmen hat sich gezeigt, dass es mit Anwendung des goldenen Schnittes oder der sich ähnlich auswirkenden Drittelregel häufig zu einer sehr viel ästhetischeren Bildwirkung kommt. Den goldenen Schnitt seht Ihr unten in der Mitte in schwarz/weiss, die Drittelregel ist in rot dargestellt. Ziel ist es, die interessanten Punkte eines Bildes, also zum Beispiel das Gesicht einer Person, so zu platzieren, dass sie auf einen der Schnittpunkte zu liegen kommen. Das ist in den beiden Beispielbildern gut gelungen und wirkt auch sehr gut.

 

Und noch eine kleine Bemerkung zum Bild ganz rechts. Das ist ein Bild ganz vom Ende der Serie, wo sehr gut mit dem Kostüm gearbeitet wurde. Denn durch die weisse Kleidung und den weissen und passend geformten Hut sieht die Hauptdarstellerin nun fast aus wie die weisse Schachkönigin. Und ich denke nicht, dass das einfach so zufällig ist. Das hat zwar nicht direkt mit Fotografie zu tun, zeigt aber dass durchaus auch mit Accessoires, Kleidung, Make-Up etc. viel Bildwirkung erreicht werden kann.

Führende Linien

Wenn man sich einmal achtet, hat es auch im Alltag sehr viele Linien. Seien das Strassen, Mauern, Treppen etc. Diese Linien können sehr gut genutzt werden, um das Auge des Betrachters ein wenig zu steuern. Im ersten Beispiel unten werden die Linien der Treppe genutzt, um erstens den Blick des Betrachters auf die Hauptdarstellerin zu lenken und zweitens zeigen sie dann auch gleich den Weg auf, den sie zu gehen hat. Im zweiten Bild führen die Linien des Tisches direkt auf die am Ende des Tisches stehende Hauptdarstellerin und lenken so den Blick gekonnt auf sie. Und das dritte Bild muss ich an dieser Stelle wahrscheinlich gar nicht mehr genauer ausführen.

Rahmen

Man kann Bilder nicht nur in Rahmen aufhängen, man kann auch schon im Bild selbst Rahmen nutzen. Auch dies geschieht mit der Absicht, den Blick des Betrachters auf bestimmte Stellen des Bildes zu lenken. Unten sehen wir drei gute Beispiele, wie das gemacht werden kann.

Perspektive

Wenn man im Urlaub ein Foto macht, nimmt man die Kamera meistens etwa in Höhe des Gesichtes, wählt den gewünschten Bildausschnitt und drückt ab. Das ist die Standardperspektive, die wir auch vom ganz normalen Leben gewohnt sind. Denn sie zeigt die Welt so, wie wir sie auch jeden Tag durch unsere eigenen Augen sehen. Man kann aber mit einer bewussten Perspektivenwahl auch sehr viel Einfluss auf ein Bild nehmen. Ein sehr gutes Beispiel sind die beiden Bilder unten. Die Hauptdarstellerin ist dabei noch ganz am Anfang ihrer Schachkarriere und darum dem Hausmeister auf der anderen Seite noch stark unterlegen. Genau das wird auch mit der Perspektive ausgedrückt. Von ihr aus gesehen ist nämlich der Hausmeister grösser als sie und besetzt auch mehr Bildraum. Von ihm aus gesehen blickt die Kamera geradezu auf sie herab. So wird verdeutlicht, dass er noch viel höher, respektive besser im Schach, ist.

Tiefenschärfe

Mit der Tiefenschärfe kann der Blick auf den Teil des Bildes gelenkt werden, den man dem Betrachter zeigen will. Der Rest verschwindet dabei in der Unschärfe. Dies ist ein sehr einfacher und auch häufig genutzter Effekt.

Muster / Wiederholungen

Genau wie schon oben beschrieben mit Linien kann der Blick des Betrachters auch durch sich wiederholende Muster gelenkt werden. Diese bilden dann wiederum auch Linien, was schlussendlich zum selben Effekt führt. In den Bildern unten wird das vor allem deutlich durch die Wiederholung der Deckenlampen und der Tische mit dem Schachbrett.

Vordergrund und Hintergrund

Um einem Bild mehr gefühlte Tiefe zu verleihen, kann man sehr gut mit verschiedenen Ebenen arbeiten. Das können wie hier Vordergrund und Hintergrund sein, es geht auch auch mit noch mehr Ebenen. Hier wurde das Stilmittel genutzt, um mit einem einzigen Bild gleichzeitig zwei Charaktere und ihre Handlungen zu zeigen. Man kann so auch optimal in einem einzigen Bild eine kleine Geschichte erzählen.

Positiver und negativer Raum

Positiver Raum ist in der Fotografie der Raum im Bild, der das zeigt was man eigentlich zeigen will. Der negative Raum ist der Rest. Häufig ist zum Beispiel der Himmel auf einem Foto negativer Raum, da er nicht wirklich zur Handlung auf dem Foto beiträgt sondern einfach eine leere Fläche ist. Grundsätzlich gilt, dass ein Bild aufgeregter wirkt, je mehr positive Fläche es hat und ruhiger oder auch depressiver, wenn es viel negative Fläche hat. Und natürlich kann der negative Raum auch wieder dazu dienen, den positiven einzurahmen und so erst Recht auf ihn aufmerksam zu machen. Das zweite Bild hier finde ich sehr interessant. Einerseits ist der Kopf von hinten nur schwarz und damit ein negativer Raum und doch trägt er wieder zum Verständnis des Bildes bei, ist also auch wieder irgendwie positiver Raum. Man kann sich auch fragen, ob nur die gespiegelten Augen positiver Raum sind und für das Bild wirklich benötigt werden oder ob es noch mehr braucht. Aber diese Frage überlasse ich gerne Euch.

Symmetrie

Mit Symmetrie lässt sich der Blick des Betrachters gut lenken und sie dient auch dazu, ein Bild aufgeräumt wirken zu lassen. Entsprechend wird dieses Stilmittel häufig in der Architekturfotografie verwendet. Im ersten Bild unten wird mit den symmetrisch angeordneten Personen ein Rahmen um den Herren in der Mitte aufgebaut, der so automatisch zum Zentrum des Bildes wird. Im mittleren Bild haben wir ein typisches Architekturfoto, welches auch die Hauptdarstellerin bewusst in die Symmetrie mit einfügt. So wirkt sie harmonisch im Einklang mit dem Gebäude. Im letzten Foto hingegen wird die Symmetrie bewusst gebrochen. Alles im Zimmer ist symmetrisch und wenn man gewollt hätte, hätte man auch die Hauptdarstellerin in der Mitte des Bettes platzieren können. So wird durch die Asymmetrie aber bewusst darauf aufmerksam gemacht, dass da zur perfekten Harmonie etwas fehlt.

Lichtsetzung

Ohne Licht gäbe es keine Fotografie. Entsprechend ist der bewusste Umgang mit Lichtquellen ein wichtiger Teil der Fotografie. Ich persönlich sehe es gerne so, dass die Dunkelheit quasi die Leinwand des Fotografen ist und er dann mit Licht darauf seine Bilder malen kann. Tönt ein bisschen poetisch, entspricht aber durchaus der Wahrheit. Und ist wahrscheinlich auch ein Grund, wieso dass die ganze Serie eher dunkel gehalten ist. Denn so kann man mit gutem Licht bewusst sehr starke Akzente setzen. Schauen wir uns ein paar Beispiele an.

Hell- / Dunkelkontraste

Das menschliche Auge ist so geprägt, dass es immer auf die hellsten Stellen zuerst schaut. Das kann man sich auf einem Foto gut zu Nutze machen und somit steuern, wo der Betrachter zuerst hinschaut. Bei den ersten beiden Bildern geht der Blick automatisch auf die hellste Stelle im Bild, wo gleichzeitig auch die Darsteller und das Geschehen platziert sind. Beim dritten Bild wird Licht und Dunkelheit eingesetzt, um bewusst einen Unterschied zwischen den Charakteren zu zeigen. Der eine sitzt im Licht, die andere im Schatten. Drei Mal dürft Ihr raten, welcher der beiden Spieler hier als der vermeintlich stärkere dargestellt werden sollte.

Silhouette

Die Silhouette ist ein uraltes Stilmittel, welches es ausschliesslich mit Licht und Schatten schafft, uns ein identifizierbares Bild zu zeigen. Ein Bild kann so sehr ruhig und harmonisch oder auch trist wirken.

Loop Light

Ein Gesicht komplett zu beleuchten ist zum Beispiel für ein Bewerbungsfoto eine gute Sache. Denn man will dort ja sein ganzes Gesicht zeigen und auch nicht unbedingt irgendwelche Dramatik mit ins Bild einbauen. Wenn man mit seinen Bildern eine Geschichte erzählen will, ist diese Art von Licht aber eher eintönig und langweilig. Viel spannender und dramatischer ist es, wenn man mit Licht und Schatten spielen kann. Hier sehen wir zwei Beispiele des sogenannten Loop Lights. Das heisst so, weil sich unter der Nase ein kleiner Kreis (Loop) formt. Das Licht kommt dabei von seitlich oben und gibt dem Gesicht schon viel mehr Tiefe als einfach eine Komplettbeleuchtung.

Rembrandt Licht

Noch einen Hauch dramatischer als das Loop Light ist das Rembrandt Licht. Das heisst so, weil es auch vom bekannten Maler Rembrandt häufig auf seinen Portraits verwendet wurde. Sehr charakteristisch dafür ist das kleine Lichtdreieck, welches auf der Wange noch zu sehen ist. Der Rest der Gesichtshälfte ist im Dunkeln. Auch hier kommt das Licht von seitlich oben, jedoch noch ein wenig seitlicher als beim Loop Light.

Split Light

Wenn wir das Licht dann noch ein wenig seitlicher nehmen, haben wir das sogenannte Split Light. Hier ist nur noch eine Seite des Gesichts im Licht, was für sehr viel Dramatik stehen kann und je nachdem auch auf zwei verschiedene Seiten eines Charakters hinweist.

Kantenlicht

Wie der Name schon sagt, ist das Kantenlicht rund um die Kanten eines Objektes zu sehen. Hier sehen wir es vor allem rund ums Haar der Darsteller, deswegen wird es teilweise auch Haarlicht genannt. Das Kantenlicht kommt immer von hinter dem Objekt, das man fotografiert und ist nur gut sichtbar, wenn der Hintergrund etwas dunkler ist. Ich persönlich finde dieses Licht wunderschön und verwende es häufig auch auf meinen Hochzeitsfotos. Es hebt die Personen, die es beleuchtet, förmlich aus dem Bild heraus und sorgt so für einen sehr angenehmen Effekt.

Farben

Auch die Farbenlehre spielt in der Fotografie eine wichtige Rolle und wird häufig ein wenig vernachlässigt. Dies liegt sicher auch daran, dass wir in alltäglichen Situationen häufig nur sehr wenig Einfluss auf die vorhandenen Farben haben. Trotzdem schadet es nicht, ein wenig auf die Farben in einem Bild zu achten und natürlich gibt es gerade auch in der Nachbearbeitung zahlreiche Möglichkeiten, um mit Farben zu spielen.

Lichttemperatur

Licht hat immer auch eine Temperatur, welche in Kelvin gemessen wird. Normales Tageslicht hat dabei etwa 5000-6000 Kelvin. Das alles ist aber gar nicht mal so wichtig, wichtig ist vor allem, das kühles Licht eher bläulich ist und warmes Licht eher ins orange geht. Das sieht man ganz gut, wenn man das Licht am Mittag und in der Dämmerung vergleicht. Das Dämmerungslicht ist eher bläulich, dementsprechend wird für das erste Bild passend zum Bett auch ein sehr kühles Licht verwendet. Es signalisiert, das Nacht ist. Beim zweiten Bild sind der Spieler auf der linken Seite sowie der Mann im Hintergrund im warmen Licht, was dafür steht dass sie sich in ihrer Rolle wohlfühlen. Das Mädchen ist im kalten blauen Licht und fühlt sich passend dazu auch eher nicht so wohl. Im letzten Bild ist das Mädchen dann den Männern etwas näher gekommen, was erstens einmal durch die Berührung der beiden gezeigt wird und, wichtiger für die Fotografie, dadurch dass jetzt beide zusammen im warmen Licht stehen. Ihr seht also, man kann auch mit der Farbtemperatur ziemlich viel aussagen.

Farbkontraste

Nicht nur mit Licht und Schatten kann man Kontraste machen sondern auch mit Farben. Im ersten Bild wurde zum Beispiel der grüne Hintergrund gekonnt genutzt, um das rötlich beleuchtete Gesicht noch mehr hervorzuheben. Im zweiten Bild wird der Kontrast zwischen warmen und kalten Farben genutzt, um den Weg des Mädchens vom angenehmen und bekannten Erdgeschoss in den unbekannten und unheimlichen Keller zu verdeutlichen.

Schlusswort

Ich hoffe, ich konnte Euch hiermit einen interessanten Überblick über fotografische Stilmittel geben und den einen oder anderen dazu motivieren, auch mal selbst etwas davon auszuprobieren. Und wenn Du "The Queen's Gambit" noch nicht gesehen hast, kann ich nur empfehlen, Dir die Serie mal anzuschauen. Bei Netflix gibt's momentan einen kostenlosen Probemonat, es kostet also nicht einmal etwas und Du wirst ganz sicher viele Ideen für Deine eigenen Fotoprojekte finden oder auch einfach ein paar unterhaltsame Abende vor dem Fernseher erleben. In diesem Sinne viel Spass beim Fotografieren und/oder Filme schauen!